Sind 3 Jahre Haft im Tugce-Prozess

eine gerechte Strafe?

 

Das Gericht sprach Sanel M. wegen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig. Der Richter war entgegen der Verteidigung der Ansicht, Sanel M. habe die Gefährlichkeit seines Schlages erkennen können. Dass ein Schlag gegen den Kopf zum K.o. führen kann, sei allgemein bekannt. Die Verteidigung meinte, die Folgen dieses Schlages waren nicht vorhersehbar, sogar der Rechtsmediziner habe den Schlag des Sanel M. mit der flachen Hand auf den Kopf der Verstorbenen Tugce als „unglücklich“ bezeichnet.

 

 

Für Körperverletzung mit Todesfolge sieht das Gesetz eine Strafe von mindestens 3 Jahren vor (§227 StGB).

Der Angeklagte war jedoch als Jugendlicher zu bestrafen. Eine Jugendstrafe ist in ihrem Höchstmaß auf 10 Jahren beschränkt und soll nach der erzieherischen Einwirkung bemessen werden (§ 18 JGG).

 

Im Rahmen des gesetzlich vorgegebenen Strafrahmens musste das Gericht eine gerechte Strafzumessung vornehmen.

Dabei würdigte es das Geständnis des Angeklagten als aufrichtig und damit zu dessen Gunsten.

Zu Lasten Sanel M. wertete das Gericht seine Vorstrafen, seine Neigung zu Gewalt und die Tatsache, dass er vom Tatort geflohen sei.

 

Das Gericht setzte die Freiheitsstrafe nicht zur Bewährung aus. Wegen seiner schädlichen Neigungen fiel die Sozialprognose des Gerichts für Sanel M. negativ aus. Insbesondere weil er bereits zuvor wegen Körperverletzung in Jugendarrest gewesen war.

 

Die Strafwürdigung war eine Herausforderung für das Gericht.

Die Aussagen der rund 60 Zeugen waren fast alle unbrauchbar, weil geschönt, erfunden, dramatisiert und angereichert mit Details aus der Presse.

 

Die mediale Vorverurteilung war gigantisch. Das Gericht selbst hatte Zweifel, ob die in einem Strafverfahren erforderliche Neutralität des Gerichts unter diesen Umständen noch gewahrt werden konnte.

 

 

Die Beweisaufnahme

ergab jedoch, dass das mediale Bild von Sanel M. als aggressiver "Killer / Koma-Schläger" und das seines Opfers als  "nationale Heldin" für Zivilcourage so nicht stimmte. Beide Seiten hatten sich vor dem Schlag aufs Heftigste beleidigt."

 

 

Ohne den medialen Hype hätte ggf. auch eine Bewährungsstrafe (2 Jahre) ausgeurteilt werden können.